Sehr Thai 1 – Zauberhafter Kulturschock

Wie tickt ein Thai?
Eine gute Frage, auf die Touristen mehr schlechte als gute Antworten haben. Es ist nicht nur Unkenntnis, die uns die Fallstricke dieser uns so wesensfremden Kultur verheimlicht. Auch der Zauber, den dieses Land und seine stets lächelnden Menschen verströmen, lässt uns nur ahnen, was sich dahinter verbirgt. Insbesondere Touristen lassen sich gern von ihm gefangen nehmen. Die einen erleben ihn als Kulturschock, die anderen als willkommene Gelegenheit, am Urlaubsort besonders freundlich und hilfsbereit  auftretenden Menschen zu begegnen. Es erscheint müssig, diesen Zauber zu hinterfragen oder gar zu desillusionieren.

Unsere westliche Kultur begünstigt unseren Forscherdrang. Wir wollen alles wissen, auf alles Antworten finden. Unbeantwortetes macht uns unruhig und nervös. Thais sind diesbezüglich extrem gelassen. Die bestimmende, geheimnisvolle Lebenskultur der Thais dahinter ist sehr komplex. Je mehr man zu erkennen glaubt, umso mehr Rätsel offenbaren sich. Manche Zeitgenossen erleben dieses Phänomen als Kulturschock. Nichts ist so, wie es sein sollte. Den Zauber einfach geniessen, ist eine wirklich empfehlenswerte  Alternative. Wenn auch ein wenig Unbehagen bleibt, nichts wirklich dahinter erkennen zu können.

Ich lebe schon sehr lange in Thailand, habe Jahre mit Thaifamilien gelebt. Aber wie sie wirklich ticken, ist mir immer noch geheimnisvoll und fremd. Wohl dem, der anderes von sich über die verschlossenen Thais sagen kann. Ist die Wirklichkeit nicht besonders rosig, erfinden die Thais verschönernde Sprachdekorationen, um die Härte besser ertragen zu können. Oder die Wirklichkeit wird einfach ausgeblendet. Die Wahrheit existiert nicht, es gibt viele Wahrheiten. Es ist nur eine Frage der Wahrnehmung. Deshalb versuche ich nicht zu erklären, sondern die Thais zu betrachten und zu beschreiben.

Um die thailändische Lebensweise zu beschreiben, muss ihre tief im Buddhismus und ihrer Geisterwelt verwurzelte Kultur einbezogen werden. Die Religion ist nicht das Dach über dem Kopf, sondern der Brunnen, aus dem sich alle Kulturen ernähren. Für Thailand gilt das ganz besonders. Der Begriff Religion ist für den Buddhismus unglücklich gewählt. Denn Buddha hatte mehr eine grundlegende Veränderung der Sicht der Dinge oder Weltanschauung erfahren und praktiziert, um sich selbst zu heilen. Bei ihm gibt es keinen Helfergott, der gnädig aus der Patsche hilft, ins Paradies aufgenommen zu werden. Im Buddhismus kann man sich nur selbst erlösen vom ewigen Kreislauf der Karmaproduktion (Samsara).

Auch das Entstehen von Karma ist vollkommen fremd für uns. Glücklicherweise präsentieren uns die Thais ihre Fremdheit mit geradezu entwaffnender Freundlichkeit und Wärme. Was sie wirklich über uns denken, schreibe ich in einem anderen Blog. Sie begutachten uns nämlich ziemlich kritisch. Viel kritischer, als manch verzauberter Tourist sich vorstellen mag.

Vor allem vermissen sie in unseren Gesichtern Sanuk. Sanuk im Gesicht ist Ausdruck entspannten Lebens. Das Gesicht hat in Thailand mehr Geschichten zu erzählen, als uns lieb sein kann. Thais sind Gesichtsscanner, sie können unsere Charaktereigenschaften  im Gesicht lesen. Gesichtsverlust im übertragenen Sinne ist eine schlimme Angelegenheit.

Das Gegenteil von entspanntem Leben ist für Thais ein berechnendes Leben. Geprägt von persischem  und griechischem antikem Denken, der berechnenden Logik folgend, präsentiert sich unsere abendländische Kultur den Thais völlig fremdartig und konträr. Genauso wie unsere zentrale Vorstellung von der „Ersten Ursache“ gegensätzlicher Auffassung ist. Die erste Ursache als Punkt, von dem alles ausging. Ein universaler Anfang, auch wenn der Verursacher umstritten ist, fehlt im Buddhismus. Davon haben Thais nie gehört. Eine erste Ursache gibt es schlicht und ergreifend nicht. Alles war immer da, ist noch heute da und wird immer da sein. Wie die Atome sich neu verbinden, ist Sache des bedingten Zufalls. Buddha spricht hier vom bedingten Entstehen alles Seins. Eine komplizierte Sache, die einfacher wird, wenn man das Wirkungsschema des  Higgsbosons (Gottesteilchen) erklären kann. Auch das Phänomen der Geburt, wie die buddhistischen Thais es sehen, wird auf diese Weise verständlich. [Es wird bald mehr Blogs zu diesem Thema geben!]

Ein entspanntes Leben hat für Thais absolute Priorität. Für entspanntes und sorgenfreies Leben ist nicht die Mathematik als Unterstützer von Sozialpolitik und Versicherungswesen zuständig. Stimmen die Zahlen nicht, ist man arm. Armut ist in Thailand ein schwieriger Begriff, solange man zu Essen hat; denn Essen ist Sanuk, ein wichtiges Element für Lebensqualität. Wir essen um satt zu werden. Thais essen, um wieder essen zu können. Thais, die nie satt sein wollen, um besser geniessen zu können!?  In Anbetracht unserer Essgewohnheiten erscheint das ein wenig rätselhaft…

Zuständig für Wohlbefinden ist in Thailand der Zustand des Herzens, nicht im kardiologischen, sondern im übertragenen Sinn. Für diesen Zustand haben die Thais viele Namen. Erstrebenswert ist „djai yen“. „Djai“ heisst Herz und „yen“ ist Besonnenheit. „Djai yen“ ist notwendig für ein Leben in der Sonne, nebst „mai pen rai“. „Mai pen rai“, auf gut deutsch „lass mal gut sein“; dann gibt es auch viel Sabai und Suay.

Wer den Zauber Thailands beschreiben will, kommt an den Begriffen Sanuk, Sabai und Suay nicht vorbei. Deshalb im nächsten Blog schön der Reihe nach.

Mehr zu “Djai yen“, Karma, und anderen oben erwähnten Begriffen in späteren  Blogs.