Wissenswertes über Naturkautschuk

Kautschuk ist in dem Milchsaft eines Baumes enthalten, den die indigenen Völker Südamerikas “Tränen des Baumholzes” nennen. In der Quetchua Sprache heisst „caa“ Baum und „ochuu“ Träne. Wir nennen diese Flüssigkeit Latex. Den Sprachgebrauch Kautschuk führte der französische Naturforscher La Condamine 1745 mit dem Lehnwort „Caoutchouc“ ein. In der Flüssigkeit sind ein Drittel Naturkautschuk enthalten. Der Kautschukbaum selbst trägt den wissenschaftlichen Namen „hevea brasiliensis“ und ist vorrangig im Amazonasgebiet von Manaus vertreten. Die Bäume der Kautschukplantagen Südostasiens, auch in Khao Lak, sind von Engländern illegal importierte Ableger, also nicht heimisch.

Das flüssige Sekret wird in Milchröhren der Pflanze gebildet und transportiert. Bei Verletzungen der Baumrinde wird es zum Schutz vor Infektionen abgesondert. Das Herausfliessen des Saftes wird bei der Latexernte bewusst durch Anritzen provoziert. Besondere Kenntnisse der Kanalröhrenführung sind wichtig, um den Baum nicht schlimmer zu verletzen. Da der Baum ganzjährig angezapft wird, benutzen die Erntehelfer ein ausgeklügeltes Anritzsystem, das dem Baum langfristig nicht schadet.

Die an den Bäumen befestigten Kokoshalbschalen fangen nachts den Milchsaft auf, der morgens in Eimern gesammelt wird. Der enthaltene Kautschuk wird in Säurebasen von allen anderen Bestandteilen in speziellen Wannen getrennt. Dann wird er zu einem plastischen Werkstoff gewalzt und in vorgefertigten Kästen nach einer bestimmten Norm geformt. Es gibt in Asien nur drei Normen, die thailändische, malaysische und indonesische, als Orientierung für den Verkauf.

Aus Kautschuk gefertigte Gegenstände stammen erstmals aus dem 16. Jhdt, nutzbar für den alltäglichen Gebrauch. Es wurden Gefässe, Schläuche, Fackeln und Regenschutzkleidung gefertigt. Er diente auch als Opfergabe bei religiösen Festen. Von den Maya sind die Vorfahren unserer Gummistiefel bekannt. Am bekanntesten ist wohl ein Vollgummiball, der schon in präkolumbianischer Zeit Ballspiele ermöglichte.

Auf die vielseitigen Verwendungen des Kautschuk in den Urwaldgebieten machte La Condamin den Westen in Paris 1745 aufmerksam. Sein Bericht löste eifriges Schaffen mit dem neuen Werkstoff aus. Ein Lösungsmittel für festen Kautschuk wurde 1761 gefunden. Der Radiergummi entstand 1770, der erste Regenmantel 1824 (Macintosh). Und Wellington-Gummistiefel, benannt nach einem Herzog, machten von sich Reden.

Im Jahre 1839 erfand Charles Goodyear das Vulkanisationsverfahren. In diesem Prozess wird das plastische Kautschuk zu elastischem Gummi verwandelt. Eine Revolution neuer Produktionsverfahren bahnte sich an, um Gummi für alle möglichen Zwecke zu verwenden. Bis zur Serienproduktion von Autoreifen war es nicht mehr weit. Der Gummiboom machte Manaus, inmitten der Hauptvorkommen, zu einer der reichsten Städte. Die sogenannten Kautschukbarone, vom plötzlichen Reichtum übermannt, realisierten aberwitzige Träume. Eine Oper mit dazugehöriger Marmorstrasse wurde in den Urwald gepflastert. Aus der Mailänder Scala lud man zur Eröffnung des Teatro Amazonas 1897 die angesagten Opernstars ein. Eine 364 Km lange Eisenbahntrasse durchwühlte unberührte Natur, als Transportmittel für Kautschukregionen, die mit dem Schiff schwer erreichbar waren. Der Besessenheitswahn endete aber bald in einem wahren Disaster. Brasilien verlor alsbald seine Vormachtsstellung als Rohstofflieferant auf dem Weltmarkt.

Kautschuk in Form von Gummi war nun zu einem wichtigen Werkstoff geworden. Das gilt bis heute. Man versuchte nun, Kautschukbäume in Plantagen zu züchten. Die schlimmste Erfahrung, dass sich die Natur nicht allem beugt, machte ausgerechnet Henry Ford,  der „Messias“ industrieller Produktion. Als Fliessbandrevolutionär für Autokarossen steinreich geworden, fuhr er mit dem Versuch, die Natur zu beherrschen, die grösste Pleite der damaligen Industriewelt ein. In zwanzig Jahren vergrub er eine Milliarde Dollar im Urwald, ohne ein einziges Pfund Kautschuk zu gewinnen. Über diese lehrreiche Parabel menschlicher Hybris mache ich einen Extrablog.

Plantagenzüchtung in Südamerika gelingt bis heute nicht. Der Pilz Microcyclus ulei verhindert diese Art von Produktion. Erfolgreicher waren die Engländer mit den Plantagen in ihren Kolonien in Asien. Der bis heute unbesiegbare Pilz hat bisher noch keinen Weg in diesen Teil der Erde gefunden. Der Engländer Henry Wickham brachte 1876 rund 70 000 Samen aus Brasilien nach Ceylon, das heutige Sri Lanka. Romanfüllende Geschichten ranken sich um diese Pioniertat von Biopiraterie ersten Ranges. Beteiligt war sicher ein südamerikanisches Komplott reinster Gier nach Macht, Geld und Einfluss. Die gedemütigten Brasilianer waren ihrer grössten Einnahmequelle beraubt. Darauf stand die höchste Strafe, die je ein brasilianisches Gericht verhängen könnte. Der Großklau hat die Welt der Kautschukproduktion nachhaltig verändert. Thailand als Kautschukweltmarktführer mit ca. 35%, neben sich Malaysia und Indonesien, teilen sich die Plantagenproduktion weitgehends auf. In Khao Lak befinden wir uns im Zentrum der Plantagenwirtschaft Südthailands. In allen anderen Regionen Thailands findet man überwiegend Reisfelder. Nach wie vor ist Thailand der grösste Reisexporteur.

Erst zu Anfang des 20. Jhdts ging der geklaute Samen in Asien richtig auf. Es konnte nun in grossem Stil Kautschuk in die westliche Welt geliefert werden. Bis dahin stand ein anderes wichtiges Produktionsgebiet zur Verfügung, das tropische Afrika. Besonders im belgischen Kongo spielte sich ein weiteres Drama ab. Unerträgliche Qualen, die die Bevölkerung der südamerikanischen Urwälder beim Sammeln des Kautschuk unter härtestem Zwang erleiden mussten, sind auch aus der belgischen Kolonie als „Kongogräuel“ bekannt. Brutalen Methoden zur Kautschuklieferung waren ebenso die Einheimischen der französischen Kolonialgebiete Gabun und der Zentralafrikanischen Republik ausgesetzt. Ein weiteres trauriges Kapitel afrikanischer Ausbeutung.

Die leidvollen Geschichten der Kautschukgewinnung nahmen kein Ende. Auch heute noch fühlen sich die thailändischen Plantagenbetriebe nicht wohl. Die Preise und Erträge sind nicht kalkulierbar. Ich habe viele Gespräche mit Betroffenen in Khao Lak geführt. Immer mehr Kapital geht in die Palmölproduktion, der Markt ist verlässlicher. Deshalb sieht man sehr häufig abgeholzte Grossflächen, die einem Neuanfang dienen sollen. Die Preise für Kautschuk sind einer willkürlichen Marktmanipulation ausgesetzt. Niemand weiß genau, wer dahintersteckt. Am Weltklima liegt es eher nicht; wohl eher am Klima unter Rohstoffspekulanten. Ein ähnliches Klima schufen die Engländer 1922. Sie heckten einen Plan aus, der die amerikanischen Interessen empfindlich treffen sollte. Die Preise waren wieder einmal gefallen, und zur Wahrung ihrer finanziellen Interessen wurde Amerika, das als Hauptabnehmer galt, auserkoren. Die Engländer ersannen den sogenannten „Stevenson-Plan‘. Dahinter verbarg sich ein Kautschuk-Kartell, das die Preise in die Höhe trieb, obwohl die Produktionskosten sanken. Nach wie vor ist der Bedarf an Kautschuk weltweit groß, Naturkautschuk kann vielfach nicht durch synthtetische Produktion ersetzt werden. Für Ernährungswissenschaftler gilt der Kautschuk mittlerweile als Garant für unsere Ernährungssicherheit. Trotzdem lässt der globale Handel seine Produzenten im Stich; auch die Plantagen, die die Landschaft um Khao Lak prägen. Der letzte Versuch, den Kautschukpreis zu stabilisieren, stammt aus grauer Vorzeit. Das “International Rubber Regulation Agreement“ wurde 1934 ins Leben gerufen.

Obwohl Naturkautschuk unseren Lebensalltag überall begleitet, wissen nur Wenige um die ungeheure Bedeutung dieses Rohstoffs. Alle Flugzeuge dieser Welt könnten ohne diesen Rohstoff nicht landen. Synthtetischer Kautschuk hält der Belastung nicht Stand. Alle Khao Lak Tourist sollten diese Tatsache einbeziehen, wenn sie auf ihren Tagestouren den abgeholzten Urwald zugunsten von Kautschukplantagen sehen. Der Süden Thailands war ehemals undurchdringlicher Primärurwald, einer der ältesten überhaupt, ein Juwel der Natur! Dieses Juwel musste vielerorts rücksichtslos weichen. Zu besichtigen ist ein neues Juwel, ein Juwel unserer Zivilisation. . . Naturkautschukplantagen. Von den Nutzniessern wenig beachtet, gilt er als essentieller Rohstoff für die Weltwirtschaft. Wenn wir an wichtige Rohstoffe denken, fällt uns schnell Erdöl oder Getreide ein. Dabei ist Naturkautschuk genauso wichtig. Synthetischer Kautschuk kann das Naturprodukt nur beschränkt ersetzen; aufgrund seiner überragenden Eigenschaften, besonders seiner Abriebfestigkeit. Alle auf Fliessbändern produzierten Lebensmittel sind mit Naturkautschuk beschichtet. Ob Brötchen, Fischstäbchen oder Bonbons, um nur einige zu nennen. Kautschuk schützt also unsere Gesundheit in nicht geringem Maße. Beim Bearbeiten von Hygieneartikeln helfen auch Latexhandschuhe, bei einer Operation bleibt das Fingerspitzengefühl erhalten. Die Gefühlsechtheit garantiert Naturkautschuk auch bei anderem Alltagsgebrauch. Hauptverbraucher von Naturkautschuk sind Reifenhersteller. Ohne Dichtungen für sämtliche Maschienen, hauptsächlich aus diesem Juwel bestehend, käme die Weltwirtschaft ins Stottern, so banal das Wort Dichtung in diesem Zusammenhang auch klingen mag. Feinmechanik ohne Naturkautschuk, vorwiegend im medizinischen oder lebensmittelproduzierenden Bereich wäre undenkbar. Rennfahrer müssten ihren Job aufgeben, 80% aller Rennautoreifen bestehen aus diesem Material. Die Liste aller Anwendungen mit diesem essentiellen Rohstoff ist endlos. Naturkautschuk als Gummi ist das wichtigste Schmiermittel unserer produzierenden Weltwirtschaft. Ohne Kautschuk ständen viele Räder still, vielleicht sogar ihr privates Fortbewegungsmittel, wenn sie öffentlichen Transport scheuen. Ironischerweise verdankt die Menschheit dieses Juwel einem Biopiraten. Hätte er Brasilien nicht die wertvollen Kautschuksamen gestohlen, hätte ein weltweiter Durchbruch dieses eminent wichtigen Rohstoffs nicht stattgefunden. Allerdings wäre dann kostbarste Natur erhalten geblieben. Oder auch nicht. Denn der Primärurwald fällt auch anderen Zwecken zum Opfer und wird nach wie vor gnadenlos abgeholzt.