Tropischer Regenwald des Khao Sok

Von allen Naturwundern dieser Erde nehmen die tropischen Regenwälder eine Sonderstellung ein. Sie beherbergen den von allen Ökosystemen größten Reichtum an Pflanzen und Tieren. Das hohe Alter dieser Lebensräume, das gleichmässige Klima und der stockwerkartige Aufbau der Wälder liefern den Grund für diese unglaubliche Vielfalt. Der Khao Sok ragt von allen Tieflandregenwäldern durch seine besondere Bodenbeschaffenheit heraus.

Alle Böden der Regenwälder sind erstaunlich nährstoffarm und überraschend unfruchtbar. Inmitten vom feuchten und warmen Klima erfahren die zersetzenden chemischen Verwitterungsprozesse beste Voraussetzungen und feiern sprichwörtliche feuchtfröhliche Urständ. Die für die Pflanzen lebensnotwendigen Nährstoffe werden dabei nahezu restlos aufgelöst. Die Verwitterungen sind extrem, da diese Regenwälder Jahrmillionen existieren und keine wesentlichen Veränderungen erfahren haben. Der oft verquarzte Untergrund tut sein übriges, um die Lebensbedingungen zu verschärfen. Die Quarze stammen von Millionen an Jahren verwesten Holzablagerungen der Baumstämme. Den Untergrund des Khao Sok trifft es noch schlimmer, er besteht aus versteinerten Korallen. In Urzeiten war ganz Asien ein riesiges Korallenmeer, bis hinauf in dem Norden Chinas. Die riesigen Korallenriffe darin wurden schon vor Jahrmillionen vom hohen Wasserdruck zu Kalksandstein komprimiert.

Wer Khao Lak besucht, bewegt sich ausschliesslich auf Korallenmeeruntergrund, der im Laufe der Zeit tektonisch angehoben wurde. Auch die Bergwelt entstand durch Druck von unten, verursacht durch das Aufeinandertreffen von tief gelegenen Kontinentalplatten. In Thailand ist nichts vulkanischen Ursprungs. Die vulkanische Welt liegt hier kilometertief unter der Oberfläche, mancherorts zeigt sie sich durch heisse Quellen. Dieser granithart versteinerte Boden macht es den Urwaldriesen unmöglich, aus statischen Gründen die Baumwurzeln vertikal nach unten auszubilden. Alle Bäume krallen sich wie Kraken mit sehr langen Wurzelfingern am Boden fest. Ihre Wurzeln sind so dick  wie unsere heimischen Baumstämme.

Wer Touren durch den Khao Sok macht, wird grandiose Höhlen bestaunen können, die den Namen Pakarang in sich tragen. Pakarang ist das Thaiwort für Koralle. Durch den ganzjährig heftig niederprasselnden Regen lauert durch Wegschwemmen und Erosion eine weitere Überlebensgefahr. Über Millionen Jahre hinweg hat es der Primärurwald geschafft, diesen heftigen Widrigkeiten zu trotzen. Dennoch zählen die tropischen Regenwälder zu den produktivsten Ökosystemen der Welt. Ein von der Natur geschaffenes, perfektes Nährstoff-Recycling hat ihr Überleben gesichert. Die Organisation dieser Nährstoffkette bildet sich aus zahlreichen Organismen, die abgestorbene Pflanzen und Tiere sofort zersetzen und in den lebenserhaltenden Kreislauf zurückführen. Da die bergige Landschaft des Khao Sok der Erosion durch extremen Wasserablauf besonderen Vorschub leistet, hat sich die Natur aus dem Erbe des ehemaligen Korallenmeeres und der damit verbundenen Mangrovenvielfalt und deren seltsamer Wurzelwelt etwas Neues einfallen lassen. Das pyramidenförmig aufgebaute Wurzelbollwerk der Mangrovenbäume schützt vor allem vor Erosion. Einzigartige Mutationen dieser natürlichen  Kunstwerke begegnen dem Besucher des Khao Sok auf Schritt und tritt. Viele Urwaldbäume verfügen über solche Stützwurzeln, wenn auch nicht mangrovischer Herkunft. Geben diese, unter dem kargen Untergrund nach Nahrung suchend, nicht genügend Halt, bilden die Baumriesen flache Brettwurzeln, die an grosse Segel erinnern. Wer die Regionen des Cheow Lan Sees aufsucht, wird im Urwald Schildkröten begegnen, deren flossenartige Beine noch nicht vollständig der Umgebumg angepasst sind. Auch ehemalige Meereskrabben haben dort überlebt, und erfreuen sich in den vielen Bergbächen bester Gesundheit. Einzigartig auf dieser Welt haben sich im Urwald des Cheow Lan sumpfige Mangrovenwälder aus grauer Vorzeit erhalten.

Der bereits erwähnte Stockwerkaufbau des tropischen Regenwalds hat viele verschiedene ökologische Nischen geschaffen. Hier haben die vielen unterschiedlichen Pfanzen- und Tierarten ihre Spielplätze. Die Artenvielfalt ist groß, aber wegen den beengenden Nischen ist die Zahl der Individuen einer Art eher beschränkt. Die Nischenbewohner müssen sich spezialisieren, um nicht im grünen Dickicht auszusterben da es an Licht und Nährstoffen mangelt. Um an diese begehrten Rohstoffe zu gelangen, haben die Pflanzen wahre Kletterkünste entwickelt, vornehmlich Lianen und Winden.

Alles Leben ist Licht und Wasser. Deshalb gleicht eine Urwaldwanderung auf dem stets feuchten Boden  nicht dem Besuch eines Tropengartens voller exotischer und farbenprächtiger Blüten. Orchideen im Urwald wachsen in luftiger, lichstarker Höhe. Auch viele Blumen und Farne wachsen auf hohen Bäumen, um ans Licht der Welt zu gelangen. Nährstoffe empfangen sie vom Regenwasser. Wir kennen sie als Aufsitzerpflanzen. Sehr exotisch muten Würgefeigen an, deren Samen auf den Ästen keimen. Ihre langen Wurzeln wachsen am Stamm entlang, bis sie sich im Boden verankern. Der befallene Wirtsbaum kann diese Prozedur der immer heftigeren Umarmung nicht überleben, er wird regelrecht erwürgt.

Eine Urwaldwanderung ist eine Erfahrung, die man nicht so schnell vergisst. Man begibt sich auf Pfade, die die Wissenschaft erst zu einem Prozent erforscht hat. Obwohl das blühende Leben des Urwalds in den Baumkronen stattfindet, hat es eine Begehung am Boden in sich. Nicht nur die schlängelnde Tierwelt lässt uns einiges befürchten. Solange man tagsüber erkundet, besteht kaum Gefahr vor der Tierwelt. Die meisten Jäger sind nachtaktiv und tags kaum zu sehen. Die Pflanzenwelt am Boden trägt viele Gefahren in sich. Ein für uns oft unsichtbarer Überlebenskampf der Pflanzen macht eine unachtsame Wanderung tückisch.

In unseren heimischen Wäldern kann man relativ gefahrlos wandern, wenn man auf Stock und Stein achtet. Der uns noch so unbekannte Regenwald ist im Grunde ein riesiger pharmazeutischer Großkonzern. Sehr viele Pflanzen und Bäume haben ein enormes Potential an chemischen Abwehrstoffen entwickelt, um sich die Vielfrasse der Unterwelt vom Leib zu halten. Die Pflanzeneltern statten ihre heranwachsenden Schützlinge mit einem Großarsenal an Kampfstoffen aus. Im Urwald geht es vor allem um Fressen und nicht gefressen werden. Auf vielen Blättern der Jungtriebe befinden sich mikroskopisch kleine Stacheln und Härchen , die uns, und nicht nur den Tieren die Hölle als wohliges  Wärmebad erscheinen lassen. Viele Ärzte sind ratlos, wenn es um unbekannte Hautverbrennungen und Allergien geht. Man sollte geflissentlich nichts anfassen oder berühren, das man nicht kennt. Vor allem junge Bambussprossen, die die Elefanten so gern fressen, sind in der Schmerzmittelbereitung sehr erfinderisch,von Rattan ganz zu schweigen. Auch die herumhüpfenden Affen müssen aufpassen. Es gibt einige Bäume, die beim Schütteln zu schneien anfangen, komplizierteste Allergien kann dieser zarte Schnee auslösen, heftiger Schmerz inbegriffen. Ohne kundigen Führer dieses Universums, der nicht nur die Wege kennt, ist eine Dschungelwanderung ein großes Wagnis. Welche Tourveranstalter da wen als Tourguide mit auf den Weg schicken, ist eine ebenso abenteuerliche Geschichte. Der Urwald ist seit Jahren mein zweites Zuhause, und ich habe Haarsträubendes unterwegs erlebt. Die mangelhafte Ausrüstung ist da noch das geringste Problem.

Es fällt schwer, die mannigfaltigen Funktionen des tropischen Regenwalds aufzuzählen, denn er ist Supermarkt, Apotheke, Wasserspeicher und Klimaschützer als Regulator in einem. Den Urwaldbewohnern fehlt es an nichts. Für unsere Zivilisation liefert dieser Urwald 80% aller weltweit bekannten Nutzpflanzen, Banane, Kakao, Gummi inbegriffen. Rund ein Viertel aller rezeptpflichtigen Medikamente entstammen dieser Quelle. Diese Quelle zeichnet auch für den Großteil nützlicher Schädlingsbekämpfungsmittel verantwortlich.

Ich bin immer noch überwältigt, wenn morgens der Urwald erwacht und auf der Fahrt ins „Herz der Natur“ große Quellwolkenfelder aus den Wäldern aufsteigen. Der Regenwald ist ein Riesenschwamm, der das Regenwasser aufsaugt und über sein Blätterdach wieder ausschwitzt. Mit aufgehender Sonne setzt der Verdunstungsprozess ein, der die lebenswichtigen Nährstoffe auch für trockenere Gebiete enthält. Dieses Schauspiel der Vernebelung der immergrünen Baumkronen ist grandios und zauberhaft zugleich. Nirgendwo auf der Welt ist man der Natur näher. Der tropische Regenwald ist nicht nur ein  grandioses Naturwunder, sondern auch Lehrmeister für das, was im Leben wirklich zählt. Als „Grüne Lunge“ speichert er in unendlich riesigen Mengen das Treibgas Kohlendioxid und schützt vor der von uns Menschen verursachten globalen Erderwärmung. Der tropische Regenwald ist der artenreichste, komplizierteste und spannendste Lebensraum der Welt. Das grösste Wunder auf dieser Erde. Von den zigausenden Urlaubern in Kao Lak wird der Cheow Lan See, im Herzen des Khao Sok, nur zwei Autostunden von Khao Lak entfernt, selten wahrgenommen. Was nicht unbedingt das Schlechteste sein muß. So bleibt uns hoffentlich ein Juwel am See, Khlong Saeng Wildlife Sanctuary, noch lange als Geheimtipp erhalten. Naturwissenschaftler haben einen Bericht veröffentlicht, in dem sie dieses Areal als eines der letzten 5 unberührten Naturparadiese beschreiben. Da ich öfter dort bin, werde ich über diese Tour einen Extrablog machen.