Vegetarisches Festival – Fest der neun Kaisergötter

Das Vegetarische Festival hat seinen Ursprung der Überlieferung nach in Kathu/Phuket. Phuket war vormals eine Urwaldinsel, bewohnt von wenigen Familien, die vom Fischfang lebten. Der Aufstieg Phukets begann mit eingewanderten Südchinesen, die es verstanden, aus dem reichhaltigen Zinnvorkommen Kapital zu schlagen. Kathu galt als Zentrum des Zinnhandels. Wie von einem wahren Goldrausch angelockt, wurde auch der überwiegende Teil benachbarter Provinzen von Glücksrittern heimgesucht.

Der Süden Thailands, besonders Phuket, hatte außer seiner Schönheit nicht viel zu bieten. Das damalige „Armenhaus Thailands“ erlebte einen gewaltigen Aufschwung durch die Zinngewinnung. Die schwere Arbeit wurde hauptsächlich von chinesischen Arbeitern geleistet; dadurch wurden wandernde Theatergruppen aus China angelockt, die  durch die Aufführungen das Heimweh linderten sollten.

Eine solcher Unterhaltungstrupp gastierte um 1830 in Kathu. Just zum Zeitpunkt eines Festes, das in der von ihnen verlassenen Heimat als Höhepunkt gilt, nämlich die Kaisergötter zu feiern und zu verehren. Es findet immer am 9.Tag des 9.Monats im Mondkalender statt. Von einer ausbrechenden Seuche wurde auch das Ensemble erfasst. Fernab der Heimat hatte man genau an diesem Tag der Götter vergessen zu fasten und wertete das unheilvolle Geschehen als Bestrafung dafür. Um weiteren Schaden zu begrenzen, wurde eigens aus China ein Zeremonienmeister eingeladen, um das Versäumte nachzuholen. Die damit verbundene Fastenzeit trug zur Eindämmung der Seuche bei. Reiner Dankbarkeit den Göttern gegenüber verdanken wir bis heute den Erhalt dieses farbenprächtigen Schauspiels.

Es ist einmalig in der Welt und hat im Laufe der Zeit eine grosse Wandlung vollzogen. Aus dem Dankbarkeitsritual ist eine mehrwöchige Prozedur entstanden, die mittlerweile alle Facetten der asiatischen Götterwelt offenbart. In Thailand feiert man es nun überall unter dem Namen „Tesakan Khin Che“ mit.

Es fiel nicht schwer, die eigenen Götter in dieser Orgie aus Götterverwandlung und strengster Askese emporheben zu lassen. Hauptakteure aller Darbietungen und Zeremonien sind die „Mah Song“. Sie sind Auserwählte, die während des Festivals als Medien für die göttlichen Geister dienen und ihre Körper durch Selbstkasteiung grösstem Stress aussetzen. Wie Jesus im Christentum ziehen sie alles Leid auf sich, um Glück und Gesundheit zu den Menschen zu bringen.

Die „Mah Song“ sind von Göttern ausgewählt. Durch Botschaften an die Familie teilen sie sich mit. Es wird von Seiten der Götter um Einverständnis für die Berufung gebeten. Welche Mama würde da ablehnen. Denn in der Gesellschaft sind die „Mah Song“ hochverehrt. Die Berufenen sind oft nicht so ganz glücklich, denn die Götter in sich zu tragen, kann auch eine Belastung sein. In Interviews erkennt man schnell, dass sie nun in einer anderen Welt leben, an die sie sich erst gewöhnen müssen. Sie fühlen und denken auch im Alltag auf einem Niveau, daß ihnen auch manchmal selbst unheimlich wird. Als lebendiger Geist auf Erden sehen sie Dinge, die ihren Mitmenschen verborgen sind. Die Gesellschaft sucht stets ihre Nähe, um sich „heilen“ zu lassen. Auf den Festivals sind diese Geistermenschen unübersehbarer Mittelpunkt. Vor den Häusern werden kleine Altäre aufgebaut und die Menschen verneigen sich vor ihnen, um von der Gebetsfahne der Auserwählten am Kopf berührt zu werden. Dieses Ritual lässt die Berührten im Glauben, Teil des guten Geistes zu werden.

Die „Mah Song“ haben dazu beigetragen, daß das Vegetarische Festival zu den gefährlichsten Veranstaltungen der Welt zählt. Durchbohrt von Säbeln, dicken Metallrohren, Büffelhörnern, Fahrrädern, Karosserieteilen, scharfen Messern und anderen bedrohlichen Gegenständen tanzen sie auf den Strassen in tiefster Trance. Dabei sieht es nicht nur gefährlich aus, wenn sie sich die Zungen zersägen oder mit scharfen Beilen sich gegenseitig den Rücken malträtieren. Assistierende Ärzte halten sich ständig zur Überwachung der Selbstverstümmelungen in unmittelbarer Nähe auf. Gefährlich sind auch die vielen umherfliegenden Böller. Schlechte Sicht durch ständiges Verbrennen schränkt die Sicherheit ebenfalls ein.  Beim Fotografieren ist grösste Vorsicht geboten und man sollte gebührenden Abstand halten. Ein riesiges Spektakel bietet sich, wenn diese geschundenen Körper nachts lange Strecken über glühende Kohlen laufen oder auf Leitern aus Schwertern klettern.

Das Vegetarische Festival zieht seine Besucher auch wegen den leuchtend weißen Gewändern an, die von den Menschen zu Tausenden getragen werden, die sich den obligatorischen Fastenzeitgesetzen unterwerfen. Solange man weiß gekleidet ist, sind in dieser Zeit Fleisch, Alkohol und Sex absolutes Tabu. Zusätzlich gelobt man sich nur gute Taten und niemals zu lügen. Ausgeschlossen von der Teilnahme am Festival gelten alle Menschen, die physisch labil sind und Frauen, die menstruieren oder schwanger sind. Generell gilt für alle Teilnehmer absolute Körperhygiene. Trauergemeinden sind von ebenfalls nicht erwünscht.